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Doppelter Schlussakt
Am 30. und letzten Spieltag der Zweiten Liga werden alle Spiele um 18:00 Uhr angepfiffen, damit nicht etwa taktisches Verhalten über Auf- und Abstieg entscheiden kann. Was grundsätzlich eine gute Idee ist, ist in diesem Jahr so gut wie komplett überflüssig. Die Frage des Abstiegs ist seit Wochen entschieden. Tatsächlich stehen mittlerweile sogar mehr Mannschaften fest, die die Zweite Liga verlassen werden, als die vier, die sie als sportliche Absteiger verlassen müssen.
Die Insolvenz Sindelfingens, die Nicht-Meldung Wolfsburgs, Wismars und eben unseres MTV, um nicht der notwendigen Wettbewerbsfähigkeit wegen eine solche Insolvenz zu riskieren und der Rückzug der TSG Ketsch haben den sportlichen Abstiegskampf in dieser Saison ausfallen lassen. Auch wenn es die Ligaverantwortlichen hartnäckig leugnen: Diese Entscheidungen der beteiligten Vereine, die sich kein einziger leicht gemacht hat, stellen natürlich das Konstrukt einer eingleisigen Zweiten Liga nachhaltig in Frage, solange die einen Professionalitätsgrad voraussetzt, der mit der Wirklichkeit in weiten Teilen der Damenhandballwelt nichts zu tun hat.
In der aktuellen Zweitligasaison ist eigentlich nur eine einzige Frage offen: Wer wird den TuS Metzingen ins Handball-Oberhaus begleiten: der TV Nellingen oder - ausgerechnet – der heutige Gegner unserer Damen, der TuS Weibern? Und auch diese Frage ist bei Licht eher ein Fräglein. Denn gemäß Punkt 32 Absatz 2 der HBF-Spielordnung ist bei Punktgleichheit zuerst die absolute Tordifferenz entscheidend, ehe es auf die Spiele gegeneinander ankommt. Letzteres hätte für Nellingen gesprochen, denn Nellingen hat beide Partien gegen Weibern für sich entschieden. In der absoluten Tordifferenz aber haben die Damen aus Weibern mit satten 105 zu 82 die Nase vorn. Nicht nur der MTV, auch Weibern steht wohl vor dem letzten Zweitligaauftritt, wenn auch unter weitaus günstigeren Vorzeichen.
Wie sehen die aus? Gewinnt Weibern gegen den MTV, müsste Nellingen gegen Rosengarten-Buchholz mit 24 Toren Vorsprung plus der Differenz des Sieges Weiberns gegen Altlandsberg gewinnen, um an Weibern in der Tabelle vorbeizuziehen. Widerholt also Weibern beispielsweise den 40:22 Erfolg gegen den MTV aus dem Hinspiel so müsste Nellingen mit mindestens 42 Toren Vorsprung gegen Rosengarten-Buchholz gewinnen, um Weibern vom Aufstiegsrang zu verdrängen. Jeder kann sich an den bekannten fünf Fingern der einen Hand ausrechnen, wie wahrscheinlich dieser Ausgang ist.
Mit anderen Worten: Nellingens ganze Aufstiegshoffnungen ruhen auf dem MTV 1860 Altlandsberg. Gewinnen die Grün-Weißen nämlich gegen Weibern, reicht Nellingen sogar ein Unentschieden zum Aufstieg. Spielen die Gastgeberinnen selbst gegen Weibern unentschieden – ein Ergebnis, das die Remisköniginnen der Liga bereits sage und schreibe sechs Mal in der laufenden Spielzeit zu Stande gebracht haben – genügt Nellingen auch ein ein-Tor-Vorsprung.
Beiden Fernduellanten kann getrost versichert werden, dass die MTV-Damen in jeder Hinsicht ihr Bestes geben werden. Denn auch für die Lokalmatadorinnen geht es am heutigen Tag um noch so einiges. Alle wie sie auf der Platte stehen werden, haben sich in die Hand versprochen im letzten Bundesligaspiel der Saison und wohl auch auf einige Zeit, ihrem Altlandsberger Publikum, ihren in der Wolle gefärbten Fans die bestmögliche Leistung zu bieten. „Natürlich ist es Pech, dass unser letzter Gegner auf dem Papier übermächtig scheint und sich die Weiberner tatsächlich ein Unentschieden und erst recht eine Niederlage gegen uns nicht erlauben dürfen“, so der scheidende MTV-Coach Helmut „Enno“ Röder und betont doch gleich darauf: „Dennoch werden wir Weibern jeden uns möglichen Widerstand leisten. Nicht Nellingen zu Liebe, sondern weil wir es uns und unseren Fans schuldig sind. Das gilt ganz besonders für die Mitglieder unserer Mannschaft, die nach dieser Partie den MTV verlassen oder ihre Karriere beenden werden.“
Ketsch as Ketsch can
Es ist nicht so, als hätten sich Altlandsbergs Bundesligadamen nicht gewehrt. Immer wieder sind sie gegen die drohende Niederlage angelaufen. So konnten sie einen Acht-Tore-Vorsprung der Gastgeberinnen zur 44. Minute (15:23) und einen Sieben-Tore-Vorsprung zur 51. Minute (21:28) in der Folge beide Male auf fünf Treffer verringern. Mehr war aber nach einer vor allem in der Abwehr schwachen ersten Hälfte nicht drin.
So blieb auch MTV-Coach Helmut „Enno“ Röder am Ende nichts anderes übrig als ein weiteres Mal zu konstatieren, dass „die bessere Mannschaft gewonnen hat“. Ketsch war einfach das Team, das den Heimsieg im letzten Heimspiel entschiedener wollte, als der MTV den Auswärtssieg im letzten Auswärtsspiel der Saison. An Stefanie Kretzschmanns Einsatz, die sich nach dem krankheitsbedingten Ausfall Romy Schöners bereitwillig rund 1400 km und 21 Stunden in den Bus setzte, um zu helfen und ein solides Bundesligadebüt feiern konnte, hat es jedenfalls nicht gelegen.
Am nächsten Samstag ist es nun an den Altlandsbergerinnen, sich ebenfalls gebührend im eigenen letzten Heimspiel, in eigener Halle, vor den eigenen Fans aus der Zweiten Liga zu verabschieden. Auch wenn der letzte Gegner der Tabellenzweite TuS Weibern ist und die Gäste unbedingt gewinnen sowie zugleich auf eine Niederlage oder zumindest ein Unentschieden Nellingens gegen Rosengarten-Buchholz hoffen müssen, um ihre Chance auf den Aufstieg in die Erste Liga zu wahren.
MTV:
Nele Kurzke (Tor), Stefanie Neumann (Tor), Manja Berger 4, Franziska Chmurski 2, Mandy Gramattke 3, Sylvia Kalina 5, Stefanie Kretzschmann, Svenja Lorenz 2, Sophie Lütke, Nadin Schwarz 3, Juliane Wittkopf 8/1, Stefanie Zarse 2
Respekt und Anerkennung
Das letzte Auswärtsspiel der MTV-Bundesligadamen gegen die Vertretung der TSG Ketsch am Samstag (Anwurf: 19:30 Uhr) kommt für beide Teams einem Muster ohne Wert gleich und wird doch so engagiert bestritten werden, wie jede andere Partie davor auch – weil die Damen durch und durch Sportlerinnen sind.
Ketsch gegen Altlandsberg – bei einem normalen Saisonverlauf wäre das ein entscheidendes Match um Klassenerhalt oder Abstieg gewesen. Aber was ist schon normal in einer Liga, in der alle Mannschaften, die weiter Zweite Liga spielen wollen und sich das auch strukturell leisten können, sich bereits mehrere Spieltage vor Saisonende keine Sorgen mehr um den Abstieg machen müssen.
So auch – bedingt durch die Absagen Wolfsburgs, Wismars und Altlandsbergs sowie aufgrund der Sindelfinger Insolvenz – die Damen der TSG Ketsch, die erst in dieser Saison in die Zweite Liga aufgestiegen waren. Am 23. April aber zog Ketsch die Meldung für die Zweite Liga zurück und begründete diesen Schritt mit dem personellen Aderlass, den die Mannschaft zum Ende dieser Saison erlebt. Das künftige Drittligateam werde das jüngste der Liga sein und es wäre keinem zuzumuten, „mit diesem Team in der Zweiten Liga zu bleiben und nur vorhersehbare Niederlagen zu kassieren“, so der Geschäftsführer der Ketscher Spielbetriebs-GmbH, Berthold Barcaba, in einer Pressemitteilung.
Weil sich die Ketscher Damen aber bestimmt mit einem Heimsieg vom eigenen Zweitligapublikum verabschieden, die Altlandsberger Damen ihre kleine Serie von zwei Auswärtssiegen in Folge aber fortsetzen wollen und schließlich beide Teams als Fernziel die Rückkehr in die Zweite Bundesliga im Auge haben, können sich alle mit Sicherheit auf ein spannendes und auf beiden Seiten engagiert ausgefochtenes Match freuen. Allein dafür gebührt allen Akteurinnen auf und neben der Platte Respekt und Anerkennung.
Und damit auch alle MTV-Fans daran teilhaben können, die sich nicht der Mannschaft auf den – vergleichsweise weiten! – Weg nach Baden-Württemberg machen können, ist wieder ein Livestream geplant.
Link: www.ustream.tv/channel/mtv1860altlandsberg
Verdient verloren
Für den MTV ging es in dieser Partie um nichts mehr. Für den BSV ging es ebenfalls um nichts mehr. Umso bemerkenswerter war es, wie engagiert beide Teams dieses Match von Anfang bis Ende angingen. Niemand wird den Damen vorwerfen können, sich gegenseitig etwas geschenkt zu haben. Es sei denn man wollte die auf beiden Seiten liegen gelassenen Chancen als Geschenke betrachten.
Leider waren die Gastgeberinnen in dieser Kategorie etwas besser als die Gäste, weshalb Zwickau nicht nur in Führung ging, sondern diese immer wieder bis auf vier Treffer ausbauen konnte; so auch beim 10:14 zweieinhalb Minuten vor dem Pausenpfiff. Dank zwei sehenswerten Treffern Mandy Gramattkes binnen neunzig Sekunden und einem wuchtigen Wurf Franziska Chmurskis ins gegnerische Netz korrigierten die MTV-Damen das Halbzeitresultat nicht nur auf 13:15, sie machten auch deutlich, dass diese Partie erst ganz am Ende entschieden werden würde.
Und holten auch im zweiten Durchgang weiter auf. Bis zur 43. Minute gelang ihnen drei Mal der Anschlusstreffer – ehe sie Zwickau wieder auf vier Treffer davon ziehen lassen mussten (19:23, durch die bald Frankfurterin Emi Uchibayashi). Aber wieder kämpften sich die Schützlinge Helmut „Enno“ Röders heran. Sechs Minuten vor Schluss erzielte Sylvia Kalina unter dem tobenden Jubel der MTV-Anhänger den erneuten Anschlusstreffer (25:26).
Aber – und es ist ein großes „aber“ – die Grün-Weißen konnten kein einziges Mal mehr ausgleichen. Weshalb Helmut „Enno“ Röder nach dem Abpfiff auch eindeutig klarstellte, dass „Zwickau absolut verdient gewonnen hat. Sie waren die bessere Mannschaft.“ Zu den erstaunlichsten Dingen dieser zu Ende gehenden, vorerst letzten Zweitligasaison der Altlandsberger Handballerinnen zählt wohl, dass sie auswärts erfolgreicher sind als zu Hause.
MTV:
Stefanie Neumann (Tor), Nele Kurzke (Tor), Manja Berger 4, Franziska Chmurski 4, Mandy Gramattke 6, Janin Hetzer 3, Sylvia Kalina 3/1, Svenja Lorenz 2, Romy Schöner, Nadin Schwarz, Juliane Wittkopf 4, Stefanie Zarse.
Bye Bye Brandenburgliga
Felix Erdmann, Sascha Fink, Tim Sandig und Jakob Berger – freiwillig – im Fanblock auf der Tribüne? Wer das als, sagen wir mal, bemerkenswert einordnen möchte, sollte weiter lesen. Simon Kapa am Kreis, Christian Szameit auf Linksaußen und Stefan Kurth, neben Daniel Braun, im Tor! An diesem Samstag hatten es die MTV-Herren aber sogar noch einen Tick bemerkenswerter: Mario Fischer, Holger Zeidler und André Witkowski nicht „nur“ begeistert am Spielfeldrand, sondern in Trikot und Aktion auf dem Feld!
„Wir wollten“, so ein zutiefst zufriedener MTV-Coach Ferenc Remes, „wichtigen Leuten aus dem Umfeld sozusagen leibhaftig an diesem Erfolg Meisterschaft und Aufstieg teilhaben lassen. Mario, Holger und André haben nicht nur Spielanteile bekommen, sondern ihre Sache gut gemacht. Jeder konnte sehen, dass sie auf der Platte nichts verlernt hatten. Zwar blieb ihnen ein Torerfolg versagt, aber jetzt können sie sich mit Fug und Recht Landesmeister nennen.“
Weil diese einmalige Besetzung aber auch dazu führte, dass die frischgebackenen Titelträger mit sechs Toren Rückstand in die Kabine gingen, einigten sich in der Pause alle Beteiligten darauf, die letzte Partie doch nicht verlieren zu wollen. Oder um es mit Ferenc Remes Worten zu sagen: „Wir haben in Durchgang zwei ein wenig umgestellt, etwas mehr Gas gegeben, das Spiel erst gedreht und dann mit vier Treffern in Front verdient gewonnen.“
Zu sagen, die Stimmung sei auf der Rückfahrt aus Wusterwitz ausgelassen gewesen, könnte glatt als Untertreibung der Saison durchgehen. Und wenn die Altlandsberger Reisegruppe überhaupt etwas zu monieren hatte, dann den Umstand, dass man in Altlandsberg selbst mangels offener gastronomischer Einrichtungen nicht gebührend und vor allem kollektiv weiter feiern konnte.
Alles weitere in der Oberliga Ostsee Spree…















